Interview mit Annie Mulcahy von MaMis en Movimiento e.V.


Annie Mulcahy. Foto: Karina Villavicencio


Interview mit Annie Mulcahy von MaMis en Movimiento e.V. zur frühkindlichen Förderung zur Steigerung der Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund


Im Rahmen des Moduls „Interkulturelle Kompetenz und Bildung“ von Frau Dr. phil. Lilian Vázquez Sandoval im Sommersemester 2020 an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin:



1. Kannst Du uns einen Überblick über die Tätigkeiten Eures Vereins MaMis en Movimiento geben?


MaMis en Movimiento existiert seit fast 10 Jahren und wurde 2012 als gemeinnütziger Verein eingetragen. Wir setzen uns für Themen wie Mehrsprachigkeit und die Partizipation und Teilhabe von migrantischen Frauen in der Gesellschaft ein.

Die Arbeit des Vereins basiert auf zwei großen Säulen. Zum Einen, wie gesagt, die Projekte, die sich nicht nur an die spanischsprachige Community richten, sondern über diese Gruppe hinaus auch an Migranten mit anderen Hintergründen. Die zweite Säule sind die Aktivitäten, die in den meisten Bezirken in Berlin, aber auch in Potsdam, angeboten werden. So hat der Verein angefangen. Als eine Initiative von einer Gruppe migrantischer Mütter, vor allem aus Lateinamerika, aber auch aus Spanien, die zusammen gekommen sind, um Ihre Muttersprache, ihre Traditionen und ihre Kultur an ihre Kinder weiterzugeben und gleichzeitig ihre Chancen zu verbessern, sich in die Gesellschaft zu integrieren und eine aktive Partizipation zu schaffen, im sozialen und im beruflichen Bereich. Die meisten waren Akademikerinnen, die es als schwer angesehen haben einen Job zu finden, der ihre Ausbildung und Arbeitserfahrungen anerkennt. Sie haben mit den Aktivitäten für Kinder begonnen, die immer noch angeboten werden. Hierfür sind die ehrenamtlichen lokalen Koordinatoren zuständig.

Dies sind sehr engagierte Frauen, die eine großartige Arbeit im Bereich Mehrsprachigkeit und Integration leisten. In Potsdam haben sie sogar den Brandenburg-Integrationspreis 2019 gewonnen, für die Arbeit die sie dort machen.

Als wichtiger Bestandteil unseres Teams zählen die Projektkoordinatoren, die für die Implementierung der jeweiligen Projekte zuständig sind. Im Hintergrund, aber dennoch grundlegend für den Erfolg unserer Arbeit, steht die Öffentlichkeitsarbeit und die Finanzierungs- und Verwaltungsarbeit.

Last but not least, sind die Vereinsmitglieder die Basis unseres Vereins. Einmal im Jahr findet die Mitgliederversammlung statt, in der der Vorstand gewählt wird. Bei MaMis ist der Vorstand sehr aktiv und unterstützt die Arbeit des ganzen Teams ehrenamtlich.


2. Welche Position hast Du in dem Verein eingenommen und was hat Dich dazu bewegt?


Seit September 2019 habe ich die Geschäftsführung des Vereins übernommen. Ich bin für die strategische Entwicklung, Planung und das Monitoring der jeweiligen Projekte zuständig. Ich kümmere mich auch um die Akquise neuer Ressourcen und um die Kommunikation mit anderen Organisationen und Fördermittelgebern. Eine wichtige, weitere Hauptaufgabe besteht darin, den gesamten Überblick über den Verein zu behalten, damit wir um unsere Hauptziele verwirklichen können. Als Geschäftsführerin des Vereins koordiniere ich zudem die Arbeit der lokalen Koordinatorinnen.

Seit ich in Deutschland angekommen bin, wusste ich, dass ich mich im Bereich Bildung und Migration beschäftigen wollte. Dafür hatte ich in Argentinien studiert und mich hier in Deutschland weiter spezialisiert. Aber es war meine eigene Biographie, die mich letztendlich in diese Richtung bewegt hat. Die Themen wofür sich MaMis einsetzt, sind die Themen, die mich persönlich bewegen und mir sehr am Herzen liegen. Als Frau, als Mutter und als Migrantin.

Wir möchten dazu beitragen, dass die deutsche Gesellschaft offener und gerechter wird. Und es ist genau diese Solidarität zu meinen „Mitstreiterinnen“ die mich am meisten dazu bewegt, mich stark für eine gerechtere Teilhabe in unserer Aufnahmegesellschaft zu engagieren.

Darüber hinaus bin ich selbst bilingual aufgewachsen. Ich möchte auf die Rolle, die unsere Muttersprache als Teil unserer Identität spielt aufmerksam machen und wie wichtig es ist darauf Wert zu legen. Dass in einer Gesellschaft Mehrsprachigkeit als Potenzial statt als Defizit angesehen wird. Im Kindergarten und in der Schule sollte es wichtiger sein, was ein Kind kann, anstatt was es nicht kann.


3. Die Kindertagesstätte hat sich zur Basis für den Eintritt in das Bildungssystem entwickelt. Welche grundlegenden Fähigkeiten erhalten die Kinder hier und warum sind diese so wichtig?


Je früher ein Kind die deutsche Sprache beherrscht, desto besser. Das wirkt als erste Voraussetzung für das spätere schulische Lernen. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass es negative Auswirkungen auf den Schulerfolg und die gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten hat, wenn ein Kind mit Migrationshintergrund später oder gar keine Kindertagesstätte besucht. Aber in der Kita geht es nicht nur um die Sprache, sondern auch um die Förderung der emotionalen, körperlichen und geistigen Entwicklung. Das sind Fähigkeiten, die eine Kita den Kindern beibringen soll. Dazu spielt auch die Vermittlung von Werten und Regeln, die in jeder Gesellschaft unterschiedlich sind, eine zentrale Rolle in der frühkindlichen Erziehung. Diese sind für die Integration der Kinder sehr wichtig, aber auch für die der Familie. Wenn ein Kind früh in einer Kita betreut wird und von Anfang an mit den anderen Kindern mitlernt, sind die Chancen auf eine erfolgreiche Schullaufbahn deutlich höher.

In Deutschland ist diese Erkenntnis ziemlich weit verbreitet, nicht nur im Bezug auf Kinder die eine Migrationsgeschichte haben, sondern auf alle Kinder. Besonders wichtig ist dieses Thema auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Meistens ist bei diesen Familien der Bildungsstand eher gering und dadurch fehlen wichtige Ressourcen, um das Lernen ihrer eigenen Kinder gut unterstützen zu können. So können Kitas gleichzeitig Eltern bei ihrer Erziehungsaufgabe und bei Bildungsentscheidungen beraten und unterstützen. Je länger die Kinder in einer qualitativen Betreuung teilnehmen dürfen, die auch die Familie in einer interkulturellen Zusammenarbeit einbezieht, desto größer sind die Chancen für einen späteren Bildungserfolg.


4. Im März 2019 haben 21% der unter Dreijährigen mit Migrationshintergrund eine Kindertagesstätte besucht. Bei Kindern ohne Migrationshintergrund war der Anteil mit 42% doppelt so hoch. Wie würdest Du diese Diskrepanz erklären?


Es gibt mehrere Gründe, die betrachtet werden sollten, um diese Diskrepanz besser zu verstehen. Die Vorstellung darüber welcher der richtige Zeitpunkt ist, um die Kinder durch eine Kindertagesstätte betreuen zu lassen oder wie lange Kinder allein durch die Familie betreut werden soll, weichen voneinander ab. Bei vielen Familien mit Migrationshintergrund kommt es häufiger vor, dass die Frau Zuhause bleibt und auf die Kinder aufpasst. Obwohl man hier nicht pauschalisieren darf, hat das oftmals kulturelle Hintergründe. Viele Kinder werden länger nur in der Familie erzogen, weil die Eltern davon überzeugt sind, dass das für die Förderung der Kinder so besser ist.

Andere Gründe sind mit Zugangshürden verbunden. An erster Stelle stehen jedoch geringere Kenntnisse der deutschen Sprache, aber auch geringe Kenntnisse des Bildungssystems. Dies betrifft vor allem die erste Generation zugewanderter Eltern. Dies führt oft zu Misstrauen in deutsche Institutionen oder das Fehlen von Informationen zum Beispiel darüber, wie die Kitas funktionieren oder wie und wann man einen Kitaplatz bekommt. Manche Familien entscheiden sich für eine Betreuung, wissen aber nicht, wie man diese Betreuung in Anspruch nimmt. Dazu kommt manchmal die Angst, dass das eigene Kind nicht so gut betreut wird, weil es kein deutsches Kind ist und weil es vielleicht nicht einer bestimmten Idee von Kultur entspricht. Ein weiterer Punkt könnte auch die teilweise bestehende Kita-Gebühr sein.

Also oft liegt es an der Sprache, manchmal an geringen Kenntnisse über das System, aber manchmal auch an den Erwartungen der Eltern bezüglich der Angebote, in denen ihre eigene Kultur oder Religion beinhaltet ist. Viele Familien greifen dann auf andere Betreuungsmöglichkeiten zurück, in der Familie oder im Freundeskreis.


5. Welche Maßnahmen von Gesellschaft und Politik müssen erfolgen, um eine größere Beteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund an frühkindlicher Förderung zu bewirken?


Es gibt viele interessante und sehr wertvolle gesellschaftliche Initiativen und Organisationen wie zum Beispiel unsere, die sich für mehr Chancengleichheit einsetzen und eine großartige Arbeit dabei leisten. Dennoch, meiner Meinung nach, liegt die Hauptverantwortung bei der Politik. Genug Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen ist eine erste Maßnahme, um diese Beteiligung zu erhöhen. In Deutschland haben zwar alle Familien einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, aber es fehlen immer noch Plätze, vor allem für Kinder zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr, damit alle Familie dies in Anspruch nehmen können. Auch die Ungleichheit der Verteilung dieser Plätze ist ein Problem. Die Kosten, die im Vergleich zu anderen Ländern gering sind, trotz regionaler Unterschiede, stellen kein großes Problem dar. Eine größere Rolle spielt hier, dass der Träger letztendlich entscheidet, wer einen Platz bekommt und das führt oft zu ungerechten Situationen.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Implementierung einer interkulturellen Zusammenarbeit zwischen den Eltern und den Einrichtungen. Also nicht nur den Zugang zu erleichtern und fördern, sondern auch eine gute Elternarbeit sind Schlüsselpunkte, um zum Beispiel diesem Misstrauen entgegen zu wirken. Letztere kann auch dabei helfen, Probleme zu überwinden wie die mangelnde Kommunikation zwischen Migranteneltern und den pädagogischen Fachkräften, Vorurteile von Seiten der Einrichtungen zu minimieren, die mit fehlenden interkulturellen Kompetenzen verbunden sind. Das Wissen darüber, wie man mit Menschen oder Kindern mit unterschiedlicher Herkunft, Geschichte und unterschiedlichen Traditionen umgeht, muss den pädagogischen Fachkräften vermittelt werden. Um die Beteiligung migrantischer Familien zu erhöhen, müssen Erziehungsangebote vielfältiger werden, um auch den Bedürfnissen und Interessen der Familien mit Migrationshintergrund entgegenzukommen.

Die Eltern brauchen das Gefühl, dass die Kita für Vielfalt offen ist. Dass ihre Kinder nicht einem bestimmten Muster entsprechen müssen. Dazu müssten Ressourcen für Aus- und Fortbildungen der Erzieherinnen und Erzieher zur Verfügung gestellt werden, die diese besser auf den Umgang mit einer heterogenen Gesellschaft vorbereitet.


6. Was tut der Verein, um die Wichtigkeit der frühkindlichen Förderung zu vermitteln?


Unsere Arbeit zielt eher darauf ab, mit Familien und Fachkräften zu arbeiten, damit diese Beziehung oder die Einbeziehung der Familien in den Kitas besser funktionieren kann.

Einerseits durch Seminare für die Erzieherinnen und Erzieher, zu Themen wie interkulturelle Kompetenzen und Mehrsprachigkeit.

Andererseits indem wir an der Teilhabe und Partizipation migrantischer Frauen arbeiten – durch Workshops, Seminare usw.

Diese Partizipation betrachten wir als sehr wichtig und sinnvoll, nicht nur im Bezug auf die Kinder, sondern auch im Sinne der generellen Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft, vor allem für die, die mehr Hürden hierfür überwinden müssen.


7. Auch die Beteiligung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren mit Migrationshintergrund liegt bei 81% geringer als bei den Kindern ohne Migrationshintergrund im gleichen Alter. Diese besuchten im März 2019 zu 100% Kindertagesstätten. Wie kommt es zu dieser Steigerung der Beteiligung?


Für diese Gruppe sind die Strategien zur Erhöhung der Beteiligung sogar noch wichtiger. Einerseits geht es um die Arbeit in Bezug auf die Familien. Die Strategien sollten sich darauf konzentrieren, die Eltern anzusprechen und zu erklären, wie wichtig die Betreuung in der Kita für den zukünftigen Bildungserfolg ihrer Kinder ist. Dass ihre Kinder, trotz fehlender Kitapflicht, so früh wie möglich durch eine Kita betreut werden.

Hier gibt es interessante Initiativen, wie die sogenannten Stadtteilmütter, die sich als Brücke zwischen Familien mit Migrationshintergrund und dem System verstehen. So kann das Misstrauen und die Unkenntnis überwunden werden.

Andererseits sollten die Zugangshürden abgebaut werden. Problematisch ist es, wenn Eltern ihr Kind eigentlich in eine Kita schicken möchten, jedoch keinen Betreuungsplatz finden oder der Zugang zu einem Betreuungsplatz durch bestimmte Hürden versperrt wird.


8. Würdest Du sagen, dass es Kindern mit Migrationshintergrund leichter fällt, sich kulturell zu integrieren, wenn sie schon früh eine Kindertagesstätte besuchen?


Unbedingt. Es ist mit dem sozialpolitischen Auftrag der Kitas verbunden, dass Kinder gerade aus sozial benachteiligten Familien, durch eine möglichst frühzeitige Förderung bessere Bildungschancen bekommen sollen. Gerade wegen der grundlegenden Fähigkeiten, über welche wir am Anfang gesprochen haben. Dazu kommt nochmals der Auftrag der Kitas, auch die Eltern bei ihrer Erziehungsaufgabe und Bildungsentscheidungen zu unterstützen.


9. Bei Kindern, die vor dem dritten Lebensjahr eine Kindertagesstätte besuchen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit später ein Gymnasium zu besuchen auf bis zu 55%. Was denkst du, warum ein früher Eintritt in das Bildungssystem die Bildungschancen so enorm steigern?


Das ist richtig. Die Chance auf Bildungserfolg steigt enorm, wenn Kinder eine frühkindliche Förderung erhalten. Es wurde schon von zahlreichen wissenschaftlichen Recherchen bewiesen, dass Kinder, die vor dem dritten Lebensjahr eine Kita besuchen eine bessere schulische Laufbahn erleben werden. In der Kita werden die Grundsteine für die weitere Bildungsbiografie gelegt.

Entradas destacadas
Entradas recientes
Archivo
Buscar por tags
Síguenos
  • Facebook Basic Square
  • Twitter Basic Square
  • Google+ Basic Square